Technik, Aura, Dialog: Die EnergieWendeKunst-Ausstellung

Von Manuel Rivera

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Im Untergeschoss, in einer Nische, die fast ein kleines Zimmer ist, steht ein kleiner Holzofen. Er wäre kaum einen Meter hoch, hätte man ihn nicht auf ein Podest gestellt; selbst so ist er klein, niedlich fast. Das Holz, aus dem er gefertigt ist, wirkt unbehandelt, sein Weiß ist rustikal, anheimelnd, unschuldig.

Es dauert einen Moment bis man begriffen hat, was nicht stimmt. Ein „Holzofen“ sollte ein Ofen sein, in dem man Holz verbrennt – nicht einer, der aus brennbarem Holz gefertigt ist. Er soll das Verbrennen ermöglichen, nicht selber brennen. Dieser hier kann, ja muss brennen – auf der Finissage der Ausstellung „EnergieWendeKunst“ (am Abend des 28. November) wird er es tun und danach nur eine Erinnerung sein. Die Assoziationen, die dieses kleine Kunstwerk weckt, reichen von der Gedankenlosigkeit, mit der wir bei Energienutzung oft die „graue Energie“ – also die Energie, die für die Herstellung und den Transport von Objekten benötigt wird – betrachten, über die Flüchtigkeit der Anschauung von Kunst- und Energieprozessen selbst, bis hin zum schieren Wahnsinn, in dem unser unendlicher Energiehunger noch die letzten Ressourcen dieses Planeten verzehren wird: Schiefergas nicht statt, sondern zusätzlich zur Kohle, Biobrennstoffe als Ergänzung, statt Alternative, zum Öl. Der Ofen ist witzig – aber er ist nicht harmlos.

Johannes Jensen, Holzofen III

Johannes Jensen, Holzofen III

Vielleicht thematisiert dieser Ofen nicht in einem engen Sinn die deutsche Energiewende. Aber dazu ist Kunst auch nicht da. Sie soll die Perspektive wechseln helfen, blitzartig das verbinden, was im Schneckengang einer an den naheliegenden Fakten klebenden Logik zunächst getrennt bleibt. Die Ausstellung ist von Kunstfachfrauen und Energiefachmännern kuratiert worden (unter letzteren auch IASS-Exekutivdirektor Klaus Töpfer); aus über 400 (!) Einsendungen hatte die Jury 20 auszuwählen und drei Preisträger zu benennen. Zu sehen ist das Ganze im neuen silent green Kulturquartier in der Gerichtsstraße in Berlin-Wedding, einem ehemaligen Krematorium. Der zunächst sakral anmutende Geist des Ortes spielt vor allem im Untergeschoss – wo ein großer Teil der Ausstellung zu sehen ist – ziemlich stark ins Klinisch-Kalte, was den dort ausgestellten Werken nicht immer gut tut. Man sieht Objekte wie einen großen, zersplitterten, teilweise grün angestrichenen Mast, oder brillante Fotos von tagebaugeprägten Landschaften, die im Zusammenhang mit dieser Atmosphäre den Eindruck vermitteln, die Energiewende sei eben ein technologisches Projekt wie die fossilen Erzeugungsformen es auch waren; Ingenieurskunst.

Vernissage-Impression. In der Mitte: Ein Werk von Ben Greber. (Foto: Svante Wellershoff.)

Vernissage-Impression. In der Mitte: Ein Werk von Ben Greber. (Foto: Svante Wellershoff.)

Der soziale Aspekt hingegen kann dem flüchtigen Betrachter entgehen, etwa im Fall des erwähnten Mastes: Die Geschichte dahinter ist nämlich, dass der Vater des Künstlers in den Achtzigerjahren auf dem heimischen Hof einen Mast für künftige autonome, erneuerbare Windenergie errichtete, und ihn anfing grün zu streichen – aber nur bis zur Höhe, in die die eigenen Arme reichten. Der Anstrich blieb unvollendet, und es kam nie zur energetischen Selbstversorgung. Das Werk erzählt etwas über deutsches Basteln, über politische Visionen, über Umwelt-Pioniere, Fehlschläge und „Pfadabhängigkeiten“. Es ist anrührend – aber nur wenn man den kleinen Erklärungstext gelesen hat. Ansonsten reiht es sich ein in eine Ansammlung oft rätselhafter Objekte mit technizistischer Ausstrahlung, versammelt in Räumen, deren Wände ein „memento mori“ auszudünsten scheinen. In einer Ecke, warm von einer Leselampe beleuchtet, setzt ein Ohrenbackensessel mit einem Comic-Band über den sozialen Aufbruch einer Energiewende-Kommune einen Kontrapunkt. Aber dies vermag den Eindruck steriler Technizität kaum zu korrigieren.

Romina Farkas: Like Ice in the Sunshine

Romina Farkas: Like Ice in the Sunshine

Nur die kleinere Zahl der Werke in dieser Ausstellung vermag auch ohne intellektuelles Dispositiv, kraft ihrer Aura, diesen etwas beklemmenden Eindruck zu durchbrechen. Dazu gehört sicherlich die Installation „Like Ice in the Sunshine“ der durch die Jury preisgekrönten jungen Hamburger Künstlerin Romina Farkas. Ein drehbares Gestell dünner Schläuche hängt über einem fotografierten Schwarz-Weiß-Himmel, der durch eine Wasserfläche bedeckt ist, dieses Wasser saugen die Schläuche nach oben und geben es im Innern des Kreises in Form einer Wassersäule wieder frei. Wenn diese Maschine sich zu drehen beginnt, wirkt sie mal hermetisch wie eine Nonne, bald ausgelassen wie eine tanzende Braut. Der Mechanismus imitiert dabei den natürlichen Wasserkreislauf, dessen Schönheit er sowohl aufgreift als auch bricht – Anthropozän-Kunst par excellence. Direkt zur „Energiewende“ erzählt wird hier natürlich nichts, aber wer darüber nachdenkt, wozu hier die Energie eigentlich verwendet wird, ist sehr schnell bei der Frage der „Energie“ zwischen Natur und Kultur, zwischen Kreislauf und ‚Anzapfung‘, bei Fragen von Entropie und Kontrolle. Ein gedanklich weit reichendes Werk, das den geistigen Funken aus sinnlicher Präsenz gewinnt.

Man könnte viel über die einzelnen Werke sagen. Nicht immer sind sie so gut platziert wie das von Farkas im Kuppelsaal, nicht immer können sie das Potenzial, das ihnen innewohnt, entfalten. Die Klanginstallation von Karl Heinz Jeron etwa, die nach dem Zufallsprinzip Geräusche eines Windparks übereinanderlegt, kann man schwer als Komposition würdigen – die sie ist – weil unmittelbar daneben eine Raumfeuchtigkeit in Wasser verwandelnde Gefrierbox steht und ihr technoides Brummen dazugibt. Heraus kommt, dass Windparks offenbar doch „irgendwie Lärm machen“, genau das Gegenteil der Intention dieses Kunstwerks. Der Moment aber, in dem solche Nachteile oder Schwierigkeiten – vor allem auch die vorhin erwähnten, mit der Atmosphäre des Ortes zusammenhängenden – sich zu relativieren beginnen, ist der, wenn sich die Ausstellung mit Menschen füllt. Bei der Vernissage kamen, meinem Eindruck nach, etliche hundert Leute. Sie kamen ins Gespräch mit anwesenden Künstlern und untereinander. Das „silent green“ begann zu leben; ein neuer Kulturort in einem armen Bezirk. Die kryptischen Objekte der Ausstellung wurden zu Anlässen der Kommunikation, zu Gegenständen des Rätselns und Diskutierens. Das umfangreiche Begleitprogramm der Ausstellung und zumal ihr Katalog werden solche Anlässe fortsetzen und verstärken. Man wünscht der „Energiewendekunst“, dass viele Menschen sich mit ihr (auch kritisch) beschäftigen: um ihrer selbst und um der Energiewende willen.
„EnergieWendeKunst“. Bis 28. November. Informationen zu Ausstellung, Begleitprogramm und Wettbewerb unter http://energiewendekunst.de
Oberes Bild: Magomomentum (Annette & Martin Goretzki): Terraforming (B Version)
Bilder mit freundlicher Genehmigung von EnergieWendeKunst.

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