Schluss mit dem Anprangern von Geoengineering-Forschern!

Von Craig Morris

Umweltschützer sehen technische Lösungen für Probleme, die durch Technik verursacht wurden, oft kritisch. Aber im Fall von Geoengineering muss klar zwischen der Botschaft und dem Überbringer der Botschaft unterschieden werden.

Nehmen wir an, Sie treiben nicht genug Sport, essen zu viele Snacks und trinken zu viel Alkohol. Dann erklärt Ihnen Ihr Arzt, er wolle Ihnen Medikamente gegen Bluthochdruck verschreiben. Würden Sie den Arzt beschuldigen, an einer finsteren Verschwörung beteiligt zu sein? Die Analogie ist nicht perfekt, aber ein Vergleich zwischen Medizin und Geoengineering trägt dazu bei, Geoengineering-Forscher besser zu verstehen. In diesem Vergleich ist unser Verbrauch fossiler Brennstoffe der ungesunde Lebensstil, der Klimawandel ist die Krankheit.

Für alle, denen der Begriff nicht geläufig ist: Geoengineering bedeutet, dass wir die Erde absichtlich verändern (wir verändern sie bereits mehr oder weniger unabsichtlich), um den Klimawandel abzuschwächen. Manche Vorschläge sind beängstigender als andere. Man könnte Substanzen in die Ozeane einleiten (damit das Wasser mehr CO2 aufnehmen kann) oder in der Atmosphäre versprühen (damit sie mehr Sonnenlicht zurück ins Weltall reflektieren). Aber über die möglichen Nebenwirkungen wissen wir wenig. Andere Ideen klingen nicht ganz so unheimlich, zum Beispiel die Gletscher mit einer weißen Plane abzudecken, damit sie nicht schmelzen.

Schuld ist nicht der Überbringer der Botschaft!

Ein kürzlich erschienener Artikel im Guardian stellte Geoengineering als hyperkapitalistische Intrige dar, mit der die schlimmsten Auswirkungen der globalen Erwärmung unterdrückt werden sollen, ohne dass sich die Zivilisation gezwungen sähe, ihre schlechten Angewohnheiten zu ändern. Tatsächlich passt diese Beschreibung auf einige der in dem Artikel zitierten Befürworter des Geoengineering, aber keiner von ihnen ist Wissenschaftler. Es sind vielmehr die Unterstützer der fossilen Brennstoffe, die Geoengineering als Chance sehen, ihre Industrie zu schützen. Nach meinen Facebook-Nachrichten zu urteilen, haben viele Leute in der Umweltschutz-Community (auch hochrangige Akteure) den Artikel für bare Münze genommen, denn er bestätigte ihre Vorstellungen von Geoengineering als technische Lösung für ein technisches Problem – etwas, das sie (und ich) generell ablehnen.

Unglücklicherweise ist der Artikel, der anscheinend aus der Pressemitteilung einer NGO zusammengeschustert wurde, ein wenig irreführend. Die kritisierten Forscher haben inzwischen mit einer langen und lesenswerten Liste von Korrekturen reagiert. Was aber wirklich meine Aufmerksamkeit geweckt hat, war ihre Ju-Jutsu-Verteidigung: Statt zu argumentieren, Geoengineering sei kein totaler Quatsch, erklären sie, die Angst davor sei gerechtfertigt. Es gehe nur darum, dass wir keineswegs vor der Wahl stehen zwischen einem gesunden Planeten und einem durch Geoengineering veränderten Monstrum, sondern zwischen einem viel wärmeren (und unheimlicheren) Planeten und einem, der dank Geoengineering nicht ganz so warm ist, aber wahrscheinlich unter Nebenwirkungen leidet.

Welche Nebenwirkungen das sein werden, wissen wir nicht, also ist uns auch unbekannt, was unheimlicher ist: der Klimawandel allein oder weniger Klimawandel mit einigen durch Geoengineering bedingten Nebenwirkungen.

Forschung heißt Wissen, und nicht Engagement

Die besten Geoengineering-Forscher (meines Wissens jedenfalls die meisten) gleichen eher guten Ärzten, die uns erklären, wir müssten entweder unseren Lebensstil ändern oder Medikamente schlucken – oder vielleicht sollte ich sagen, sie gleichen eher Medizinforschern vor hundert Jahren. Als Wissenschaftsbereich steckt Geoengineering noch in den Kinderschuhen und ist keineswegs so hochentwickelt wie das Gesundheitswesen. Man muss sich diese Forscher deshalb als Wissenschaftler vorstellen, die versuchen, uns Optionen zu erschließen, die wir heute noch nicht haben. Sicher wissen wir nur, dass der Planet krank ist. Geoengineering-Forscher würden gern mit uns darüber sprechen, ob wir ein Forschungsgebiet “planetare Medizin” wollen.

Wichtig ist, sich vor Augen zu halten, dass sich diese Forscher keineswegs alle für Geoengineering engagieren. Mit wohl nur wenigen Ausnahmen melden sie Zweifel an, dass die Ergebnisse ihrer Forschung wünschenswerter sein werden als der ungebremste Klimawandel. Aber wir können das nicht beurteilen, solange wir der Sache nicht nachgehen. Wichtig ist, dass sie diese Forschung nicht ohne Input aus der Gesellschaft angehen wollen. Geoengineering könnte zur grauenhaften technokratischen Intrige werden – oder der wissenschaftliche Beitrag zu einer demokratisch geführten Debatte sein. Die informierte Öffentlichkeit kann die gefundenen Lösungen ablehnen, wenn sie will.

Ich muss zugeben, dass ich mir Geoengineering nicht gerne vorstelle. Ich stelle mir allerdings auch ungerne vor, mich einer Chemotherapie zu unterziehen; also treibe ich Sport und ernähre mich gesund (obwohl ich, wie mein Umfeld weiß, gelegentlich drei bis vier Bier trinke usw.). Meine Vision von der Rettung des Planeten besteht darin, dass wir auf Erneuerbare umsteigen, weitgehend gestützt auf Wind und Sonne, deutlich weniger Fleisch essen, Fahrrad fahren und öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Für mich hat Laufen einen höheren Nutzen als die Fahrt mit dem Elektroauto, und wir sollten kein Flugzeug mehr besteigen. Aber diese Ideen finden nicht viele Anhänger. Wenn es mir nicht gelingt, andere davon zu überzeugen, ihren Lebensstil zu ändern, wäre es schön zu wissen, wie die technischen Lösungen – die Medikamente – aussehen könnten, einschließlich ihrer Nebenwirkungen. Und dafür braucht es Forschung.

Ich werde wohl in der Geoengineering-Debatte weiterhin das Vorsorgeprinzip vertreten. Aber es ist falsch, Geoengineering-Forscher als Werkzeuge des Kapitalismus darzustellen, die daran arbeiten, die Demokratie zu untergraben. Fast einhellig erklären sie, Geoengineering dürfe nicht als Ausrede für Untätigkeit anderswo genutzt werden (Moral Hazard). Wenn diese Forscher Ärzte wären, würden sie uns erklären, wir sollten Sport treiben und uns gesund ernähren. Aber für unsere Sucht nach Kartoffelchips und Bier, die wir nicht ablegen können, würden sie auch gern einige technische Lösungen erforschen – innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Grenzen. Sie wollen uns einen Gefallen tun. Wir sollten ihre Forschung unterstützen und ihnen für ihre Bemühungen danken, auch wenn wir uns letztlich gegen die bitteren Pillen entscheiden.

Foto oben: istock/erhui1979

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