Potsdam plant die Mobilität der Zukunft – ein Bericht zum ersten Verkehrsforum

istock/iascic

Von Laura Weiand

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Wie die meisten Aspekte des Lebens, die uns alle betreffen, sorgt auch das Thema Verkehr und Transport häufig für hitzige Debatten. Dies zeigte sich auch beim ersten Verkehrsforum Potsdam zum öffentlichen Personennahverkehr, das am 14. Oktober 2017 stattfand. Das von Urbanizers – Büro für städtische Konzepte im Auftrag der Stadt Potsdam organisierte Forum bot den Bürgerinnen und Bürgern eine Plattform, um den Stadtplanern ihre Meinung und Anliegen mitzuteilen. Die Veranstaltung begann mit lautstarken unzufriedenen Äußerungen zu den Preisen sowie zur mangelhaften Taktung und Anbindung von Bussen, Straßenbahnen und Zügen in der Stadt. Letztendlich konnten aus dieser Unzufriedenheit heraus allerdings Vorschläge erarbeitet werden, wie Potsdam die Herausforderungen in Sachen Mobilität meistern könnte.

Die Herausforderungen: Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung steigen auch die Fahrgastzahlen bei sämtlichen Verkehrsmitteln. Im letzten Jahr erreichte das Passagieraufkommen im öffentlichen Personennahverkehr in ganz Deutschland mit 10,2 Milliarden einen neuen Höchststand. Dabei wurden mit Bussen und Zügen Millionen von Fahrten unternommen, für die andernfalls das Auto zum Einsatz gekommen wäre (VDV 2017). Dennoch ist auch trotz dieser Rekordzahl das Auto immer noch das Verkehrsmittel Nummer eins. Betrachtet man den Modal Split (Abb. 1), so wird deutlich, dass der motorisierte Individualverkehr den Personenverkehr klar dominiert: Er erreicht einen Anteil von knapp 80 % und führt mit großem Abstand vor umweltfreundlicheren Arten der Fortbewegung (Fußverkehr, Fahrrad, Eisenbahn, öffentlicher Personennahverkehr), die in Deutschland rund 20 % ausmachen.

Abb. 1: Der Modal Split (der Prozentsatz der Reisenden, die ein bestimmtes Verkehrsmittel nutzen) in Deutschland. Er beinhaltet den motorisierten Individualverkehr (dunkelrot), den Luftverkehr (hellrot) und den nichtmotorisierten Verkehr (grün). Die Abbildung zeigt, wie stark der motorisierte Individualverkehr die Mobilitätslandschaft dominiert. Quelle: Umweltbundesamt 2017.

Abb. 1: Der Modal Split (der Prozentsatz der Reisenden, die ein bestimmtes Verkehrsmittel nutzen) in Deutschland. Er beinhaltet den motorisierten Individualverkehr (dunkelrot), den Luftverkehr (hellrot) und den nichtmotorisierten Verkehr (grün). Die Abbildung zeigt, wie stark der motorisierte Individualverkehr die Mobilitätslandschaft dominiert. Quelle: Umweltbundesamt 2017.

Die Problemfelder: Die Bevölkerung in den Städten wächst weiter, und Potsdam bildet hier keine Ausnahme: Im Zeitraum von 2006 bis 2016 stieg die Einwohnerzahl der Stadt von 147.716 auf 171.597. Dies bedeutet, dass dem öffentlichen Personennahverkehr eine immer größere Bedeutung zukommt. Allerdings ist die bestehende Infrastruktur durch das hohe Verkehrsaufkommen, Luftverschmutzungs-Hotspots und den Motoren- und Sirenenlärm bereits stark belastet. Das Mobilitätsverhalten kann sich nur verändern, wenn das ÖPNV-Netz in Potsdam allen Einwohnerinnen und Einwohnern der Stadt zugänglich ist. Doch bislang fühlen sich viele Menschen, die in den Außenbezirken (insbesondere im Norden) Potsdams leben, vergessen und zurückgelassen. Sie beklagen, dass das Auto oft die einzige Möglichkeit der Fortbewegung sei. Daraus entstand die Idee für ein lokales System von Fahrgemeinschaften. Als ein Teilnehmer fragte: „Was, wenn wir als Stadt einfach nicht mehr weiterwachsen?“, entgegneten die Stadtplaner, dass, selbst wenn dies möglich wäre, Potsdam trotzdem keine Insel ist. In jedem Fall würde weiterhin ein hohes lokales und regionales Verkehrsaufkommen herrschen. Darüber hinaus wurden Bedenken hinsichtlich der Digitalisierung des Mobilitätsnetzwerks geäußert. Eine Person im Rentenalter gab zu bedenken, dass „nicht jeder Mensch Internet oder ein Smartphone hat.“ Wie also können wir dafür sorgen, dass der öffentliche Personennahverkehr inklusiv und jedem zugänglich ist? Wie könnte die Zukunft des ÖPNV aussehen? Und wie kann Potsdam diese Vision verwirklichen?

Potsdam voranbringen: Wir (die ca. 50 Teilnehmer/-innen des Forums) wurden in drei Gruppen aufgeteilt, in denen wir diskutierten, wie der Stadtverkehr heute, morgen bzw. übermorgen aussehen sollte. Da ich die etwas jüngere Bevölkerungsschicht vertrete, entschied ich mich, der Gruppe „übermorgen“ beizutreten, die sich mit der Zukunft der Mobilität bis 2050 beschäftigte. Da die Gruppe so weit in die Zukunft vorausgreifen wollte, musste sie jedes Schubladendenken hinter sich lassen und sich ein vollintegriertes, multimodales System vorstellen, das alles umfasst, was Potsdam zu bieten hat. Dies könnte sowohl selbstfahrende Busse und Straßenbahnen als auch ein Netzwerk aus elektrischen Lastenrädern beinhalten. Der allgemeine Konsens war eindeutig: Bis 2050 sollten alle in Potsdam verfügbaren Mobilitätsoptionen Teil eines einzigen ÖPNV-Netzes und mit einem einzigen Ticket zugänglich sein. In erster Linie aber sollten wir alle bis 2050 mehr Carsharing betreiben und immer weniger eigene Autos besitzen.

Planung aus einer Hand: Im Laufe des Forums wurde von den Teilnehmenden betont, dass das Mobilitätsnetzwerk auch die Planung von Gebäuden, öffentlichen Dienstleistungen und Arbeitsplätzen einbeziehen muss. Wenn der öffentliche Personennahverkehr bei der Landnutzungsplanung berücksichtigt und sogar mit ihr verknüpft würde, könnte ein Leben ohne eigenes Auto deutlich attraktiver, leichter umsetzbar und angenehmer werden.  Abb. 2 zeigt, wie Berlin hier als gutes Beispiel vorangeht. Die Stadt bietet ca. 15 Haltestellen pro Hektar Siedlungs- und Verkehrsfläche, und 27 % der Einwohner nutzen den öffentlichen Personennahverkehr für ihre täglichen Fahrten. Es ist naheliegend, sei aber noch einmal ausdrücklich gesagt: Je mehr öffentlicher Personennahverkehr verfügbar ist, desto wahrscheinlicher wird er genutzt.

Abb. 2: Ein Vergleich der ÖPNV-Nutzung in Deutschland in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit des öffentlichen Personennahverkehrs pro Hektar Siedlungs- und Verkehrsfläche. Die horizontale Achse zeigt die Anzahl an Abfahrten pro Hektar, die vertikale Achse den Anteil der ÖPNV-Nutzung. Quelle: Zeit Online 2017.

Abb. 2: Ein Vergleich der ÖPNV-Nutzung in Deutschland in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit des öffentlichen Personennahverkehrs pro Hektar Siedlungs- und Verkehrsfläche. Die horizontale Achse zeigt die Anzahl an Abfahrten pro Hektar, die vertikale Achse den Anteil der ÖPNV-Nutzung. Quelle: Zeit Online 2017.

Damit die Verkehrswende gelingt, ist die Zusammenarbeit und Integration von Stadtplanung und öffentlichem Personennahverkehr unabdingbar. Auch die Beteiligung der Öffentlichkeit am Entscheidungsprozess ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Verkehrswende. Durch Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten kann sichergestellt werden, dass diejenigen Menschen, die von der sozialen Ausgrenzung am stärksten bedroht sind, nicht außen vor gelassen werden. Außerdem ist die Einbindung junger Menschen von besonderer Bedeutung, da diese innerhalb der Gesellschaft häufig die wichtigsten Innovationstreiber sind. Eine der inspirierendsten Erkenntnisse aus dem Verkehrsforum ist, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger trotz der aktuell hohen Unzufriedenheit neuen Mobilitätskonzepten offen gegenüberstehen und zu deren Umsetzung beitragen wollen.

Foto oben: istock/iascic

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