Der Mythos „gestrandeter Vermögenswerte“ beim Klimaschutz

Von R. Andreas Kraemer

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Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, sprach im Jahr 2015 am Versicherungsmarkt Lloyd’s of London über die Themen Klimawandel, Zukunft der Energiesektoren und finanzielle Stabilität. Seitdem betonen Finanzminister/-innen und Zentralbankgouverneure/-gouverneurinnen weltweit die vom Klimaschutz ausgehende systemische Bedrohung für das globale Finanzsystem. Sie äußern öffentlich Besorgnis über ein „Platzen der CO2-Blase“ und über den dadurch erwarteten „Dominoeffekt“, der die globalen Märkte erschüttern würde. Die Finanzminister/-innen und Zentralbankgouverneure/-gouverneurinnen unterliegen jedoch einem immensen Irrtum, zumal sie die fossilen Vermögenswerte – von unterirdischen Reserven an fossilen Rohstoffen bis hin zu Verteilsystemen wie Gasnetzen – überbewerten. Sie überschätzen die Gefahr, die von einem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ausgeht. Und nun, da der Klimawandel von der Menschheit ein größeres Opfer fordert, als das Platzen einer CO2-Blase es je könnte, sollten sie hinsichtlich fossiler Brennstoffe die Maßstäbe zurechtrücken. Sie müssen endlich verstehen, wovon die Bedrohung der finanziellen Stabilität ausgeht: von den fossilen und nuklearen Energiesektoren sowie von deren exzessiver Kapitalisierung und Überbewertung, unterstützt durch Subventionen und Privilegien. Außerdem müssen sie sich mit den Konsequenzen mangelnder Rückstellungen zur Deckung von Kosten aus Altlasten auseinandersetzen.

Nicht „gestrandet“, sondern „aufgegeben“

„Gestrandete Vermögenswerte“ sind heute, im Zeitalter der Energiewende, ein Kernthema in jeder Diskussion über unsere Wirtschaftssysteme. „Gestrandete Vermögenswerte“ ist der Begriff, den Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler für „wertlos gewordene Investitionen“ benutzen. Die Definition lautet folgendermaßen: Vermögenswerte sind gestrandet, wenn sie von unvorhergesehenen oder vorzeitigen Abschreibungen, Abwertungen oder Schuldumwandlungen betroffen sind. Hier sei zuallererst angemerkt, dass in Bezug auf den Klimawandel nichts unvorhergesehen ist und dass klimapolitisches Handeln sicher nicht vorzeitig, sondern – im Gegenteil – vollständig vorhersehbar und schon längst fällig war. Das bedeutet, dass in den Unternehmen, die im Bereich fossile Energie tätig sind, keine aufgrund von klimapolitischen Maßnahmen oder aufgrund der Umstellung auf grüne Energie gestrandeten Vermögenswerte vorhanden sind. Jegliche Abschreibungen sind Konsequenzen von schlechten Investitionsentscheidungen und ungerechtfertigten Bewertungen sowie von Investitionen, die in vorsätzlicher Unkenntnis der wahren Kosten und Risiken getätigt wurden.

Der Begriff „gestrandeter Vermögenswert“ lässt an ein gestrandetes Schiff denken, das auf die hohe See zurückgeschleppt werden kann, um seinen Zweck zu erfüllen und wieder rentabel zu werden. Die Sprache ist so gewählt, dass sie uns vorgaukelt, die von den sterbenden Industrien zurückgelassenen Anlagen wären nur vorübergehend – vielleicht durch von Umweltschützern vorangetriebene staatliche Vorschriften – „gestrandet“ und die „Vermögenswerte“ könnten wieder seetüchtig gemacht werden. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem, was diese Industrien zurücklassen, jedoch nicht um „gestrandete Vermögenswerte“, sondern um aufgegebene Verbindlichkeiten.

Nicht „Vermögenswerte“, sondern „Verbindlichkeiten“

Klassische gestrandete Vermögenswerte trifft man heute noch auf Südgeorgien an, einer südatlantischen Insel ohne dauerhafte Bewohner. Auf dieser Insel befinden sich unzählige verlassene Gebäude, Fabriken, Schiffe und sonstige Arbeitsgeräte der Walfangindustrie, die einst die größte Branche der Welt war. Die Bilder von Fotografinnen und Fotografen, die der Insel gelegentlich einen Besuch abstatten, erinnern uns an dieses einst florierende Geschäft, einen Vorläufer der heutigen Fossilenergiebranche. Die Walfangindustrie hinterließ Gebäude und andere Infrastrukturen – verschiedene Formen gestrandeter Vermögenswerte –, die zwar malerisch anmuten, jedoch hochgiftig sind. Die Bilder zeigen eine aufgegebene Umweltschuld, die auf den Schultern zukünftiger Generationen lastet.

Die Fossilenergiebranche – die Kohle-, Öl- und Gasindustrie – ist viel größer als die Walfangindustrie und könnte uns eine Schuld vermachen, die viel schwerer zu tragen ist als jene des Walfangs. Dazu gehören die globale Erwärmung, die Versauerung der Meere, der Meeresspiegelanstieg sowie praktisch ewig währende Kosten aus Altlasten aufgrund radioaktiven Mülls und aufgrund von nuklear verseuchten Gebieten auf der Erde, die nicht mehr bewohnbar sind. Langsam wird den Finanzministern und Finanzministerinnen klar, dass die Abkehr von fossiler und nuklearer Energie, die überall um sie herum stattfindet, nicht mehr nur wünschenswert, sondern auch nicht mehr zu stoppen ist: Denn der „Umstieg auf grüne Energie“, also der Übergang zu erneuerbarer und nachhaltiger Energie, ist wirtschaftlich selbsttragend und selbstbeschleunigend. Darüber hinaus ist er in allen Ländern und Regionen durchführbar. Er repliziert sich selbst. Wohlweislich hat die G20, ein Zusammenschluss der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, den Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board, FSB; ein internationales Organ, das der Stabilität des globalen Finanzsystems dienen soll) aufgefordert, Maßnahmen für eine bessere Transparenz hinsichtlich klimabezogener Risiken sowie für Investoren, Gläubiger und Versicherer nützliche Offenlegungsvorschriften vorzuschlagen.

Aufgegebene Schulden verschiedenster Art

Als Folge der Umstellung auf grüne Energie werden sehr wahrscheinlich physische und gesellschaftliche Wunden in Form ungewollter Industrien, Infrastrukturen und kostspieliger Altlasten zurückbleiben. Dabei handelt es sich um Verbindlichkeiten, den Nebeneffekt einer geplatzten Finanzblase, nicht aber um Vermögenswerte. Es lohnt sich, diese Verbindlichkeiten im Einzelnen zu betrachten.

Abgewertete finanzielle Vermögenswerte können abgeschrieben werden: Sie sind lediglich Verluste auf dem Papier, und die daraus entstehenden Insolvenzen lassen sich bewältigen. Finanzsysteme können Belastungen ausgesetzt werden, doch sie können diesen Belastungen auch standhalten. Die betroffenen Branchen sind sowieso dem Untergang geweiht; und während die sozialen Folgen in den betroffenen Gemeinschaften zu berücksichtigen sind, verdienen es die Branchen nicht, gerettet zu werden. Für das Erdklima ist es besser, wenn sie möglichst bald verschwinden.

Verlassene Industrien sind eine wohlbekannte Folge früherer technologischer und industrieller Transformationen. Man denke an die Geisterstädte, die die Geschichte von vergangenem Ruhm, von Aufgabe und Zerfall erzählen, auch wenn sie auf heutige Touristinnen und Touristen malerisch wirken. Brachliegende Industriegebiete mögen zwar oft unschön aussehen, doch in stark bevölkerten und insbesondere in städtischen Gebieten können sie zu Chancen werden – zunächst als kreative Räume und später für Wohnraum und Unternehmen. Verlassene Industrieanlagen stellen ökologische, soziale, wirtschaftliche und finanzielle Herausforderungen dar: Wenn große Unternehmen ihre Tore schließen, nimmt die Arbeitslosigkeit zu, während die Steuereinnahmen zurückgehen und zugleich die Nachfrage nach Sozialleistungen steigt. Diese Aspekte sind es, die man mit politischen Maßnahmen in Angriff nehmen muss.

Der sich abzeichnende Untergang der Branchen für fossile und nukleare Energie wird möglicherweise dazu führen, dass Vieles aufgegeben und zurückgelassen wird. Dies ist eine der Sorgen, die die Lakota bei ihrem Protest gegen die Dakota Access Pipeline in South Dakota motiviert. Was immer die Pipeline kurz- oder mittelfristig auch bringen mag: Es gibt keine wirksamen Vorschriften, die sicherstellen, dass die Pipeline entfernt wird, wenn sie nicht mehr in Gebrauch ist, oder dass gegen jegliche Verschmutzung des Bodens oder des Wassers unmittelbar Maßnahmen ergriffen werden.

Verlassene Netzwerkinfrastrukturen bilden eine eigene Klasse von Verbindlichkeiten, insbesondere in abgelegenen Gebieten wie in der kanadischen Arktis. Industrieanlagen, Pipelines, Häfen, Eisenbahnlinien, Straßen und Umschlagterminals werden in der Landschaft zurückgelassen und bedrohen durch ihren Zerfall und die Freisetzung von Giftstoffen natürliche Ressourcen wie Wasser. Diese Umweltschuld wird jahrzehntelang, vielleicht sogar für immer bestehen bleiben.

Bewusste Schuldenabwälzung auf die Steuerzahler muss bekämpft werden!

Ungedeckte Verbindlichkeiten und Altlasten sind das Ergebnis von Unternehmensinsolvenzen, wobei die Unternehmen in Wirklichkeit die langfristigen Kosten von Außerbetriebnahme, Rückbau, Sanierung und Rücknahme auf den Staat und zukünftige Steuerzahler abwälzen. Die Erfahrung in vielen Branchen – vom Bergbau bis hin zu Kernkraftwerken – zeigt, dass die Rechnungslegungsvorschriften und die Pflicht, Rückstellungen oder Abgrenzungen für Altlasten einzuplanen, nicht durchgesetzt werden und dass in allzu vielen Fällen keine Sanierung erfolgt.

Aufgegebene Verbindlichkeiten sind nicht nur das Ergebnis falscher Entscheidungen in der Vergangenheit. Sie sind auch die mögliche Folge aktueller Entscheidungen, insbesondere bei Investitionen in eine Branche, deren Zukunft fragwürdig ist, und in Abwesenheit einer wirksamen Durchsetzung von Sanierungsmaßnahmen in abgelegenen Gebieten.

Die Herausforderung für das G20-Treffen der Finanzminister/-innen und Entscheidungsträger/-innen lautet wie folgt: Erarbeitung nicht nur von Offenlegungsvorschriften für klimabezogene Risiken, sondern auch von Vorschriften, die gewährleisten, dass die Kosten von Altlasten durch die Investoren getragen werden und dass genügend Gelder für den zukünftigen Bedarf bereitgestellt und abgesichert werden.

Herzlichen Dank an Sonja Thielges und Paul Hockenos für ihre Anmerkungen.

Foto oben: iStock-juliannafunk

1 Kommentar

  1. Andreas Hofmann-Dally   •  

    If only our political decision makers were as clear-sighted as this fine peace of thought.

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